Die psychosoziale Betreuung der Angehörigen ist nur zu einem Teil von den Pflegeteams zu bewältigen. Ein Anbieter pflegerischer Dienstleistung, der seinen Auftrag ernst nimmt, richtet eine Stabsstelle für diese Betreuungsanteile ein. Idealerweise ist sie mit einem Mitarbeiter besetzt, der eine sozialpädagogische Ausbildung vorweisen kann. Liz Kapitel, Sozialpädagogin beim Heimbeatmungsservice Brambring Jaschke, und dort unter anderem für die psychosoziale Begleitung der Angehörigen zuständig, sagt: "Sobald ein Pflegedienst etwa fünf bis sechs Klienten intensivpflegerisch versorgt, ist jemand notwendig, der diese Aufgabe wahrnimmt."
Es ist von essentieller Bedeutung, dass die psychosoziale Betreuung über einen anderen Kanal läuft als die Pflege des Klienten. Einerseits übernehmen die Pflegenden selbst zwar auch einen erheblichen Anteil dieser Aufgabe, andererseits sind sie durch den täglichen, stets über viele Stunden dauernden, Kontakt sehr eng mit den zu bearbeitenden Konflikten verwoben. Die Betreuungsqualität steigt, wenn für beide Teile, sowohl die Pflegenden, als auch für die Angehörigen und Klienten, eine ausgelagerte Instanz existiert, die eine zusätzliche Perspektive auf die Probleme verkörpert."
Zunächst suche ich das psychosoziale Gespräch stets mit den Angehörigen und, je nach Gesundheitszustand und Ressourcen, dem Klienten gemeinsam. Am Beginn einer Versorgung ist es notwendig, die Erwartungen der gesamten Familie zu erfahren", sagt Liz Kapitel. Ihr geht es darum, ein belastungsfähiges Vertrauensverhältnis aufzubauen, in dem ein fortwährender Dialog stattfindet.
Die Probleme, die sich für die Angehörigen aus dem Zusammenleben mit einem schwer erkrankten Familienmitglied ergeben, beziehen sich auf nahezu alle Lebensbereiche. Noch bevor der Klient aus der Klinik in den häuslichen Bereich umzieht, gilt es, die Rahmenbedingungen zu klären.
Verhandlungen mit den Kostenträgern, juristische Details, finanzielle Transaktionen. Sie alle haben neben ihrer formalen auch eine emotionale Dimension. "Da sind ungeheure Belastungen zu verarbeiten", sagt Liz Kapitel. Aus ihrer sozialpädagogischen Erfahrung kennt sie die Möglichkeiten, die das Sozialgesetzbuch sowie die anderen Rechtsvorschriften den Pflegeempfängern einräumen.
Sobald die organisatorischen Probleme sich eingependelt haben, treten zwischenmenschliche Themen in den Vordergrund. "Als erwachsene Mitteleuropäer haben wir vor allem eines gelernt: Disziplin. Wir beißen die Zähne zusammen und versuchen, selbst die schwierigsten Situationen ohne Klagen zu überstehen." Bis zu einem gewissen Punkt lässt sich diese Strategie durchhalten, doch wenn der Druck weiter wächst, kann es zu sehr explosiven Momenten kommen. Liz Kapitel sieht ihre Aufgabe vor allem darin, einzugreifen, bevor die kritische Masse erreicht ist. "Das wichtigste Werkzeug ist der kontinuierliche Kontakt. Ich merke das an den Reaktionen der Angehörigen. Sobald sie das Gefühl haben, ich hätte mich zu lange nicht bei ihnen gemeldet, geben sie mir das sehr deutlich zu verstehen." Sie hat es sich zur Regel gemacht, bei allen Angehörigen mindestens einmal im Monat anzurufen, auch wenn keine besonderen Probleme anliegen. Das ist präventive Arbeit und signalisiert den Betroffenen: "Hier ist jemand, der sich dafür interessiert, wie es Ihnen geht."
In kritischen Phasen können tägliche Gespräche nötig sein. "Manchmal dauern die Telefonate zwei bis zweieinhalb Stunden", sagt Liz Kapitel. Noch intensiver gestaltet sich der Kontakt mittels Hausbesuchen.
Liz Kapitel hat die Erfahrung gemacht, dass sich bei aller Unterschiedlichkeit der Angehörigen und der individuellen Probleme ein roter Faden durch die psychosoziale Betreuung zieht. "Es geht darum, den Menschen Mut zu machen und sie aufzubauen." Getreu der übermäßigen Selbstdisziplinierung, zu der viele neigen, haben sie häufig nicht einmal den Mut, sich selbst einzugestehen, dass die Last über ihre Kraft zu gehen droht. "Dann ist es besonders wichtig, Streicheleinheiten zu verteilen und eine Gelegenheit zu bieten, in der ein ansonsten sehr stark auftretender Mensch auch einmal ganz schwach sein darf", sagt Liz Kapitel.
Viele Angehörige haben ihr berichtet, dass sie nicht nur von eigenen Ängsten belastet sind, sondern auch von den Reaktionen, die sie aus ihrer Verwandtschaft oder dem Freundeskreis erfahren. "Bekannte sagen: jemand, der so krank ist, gehört in eine Klinik und nicht nach Hause. Freundschaften gehen zu Bruch, weil sich die Mittelpunkte des Lebens verschieben. Familien drohen zu zerbrechen, weil sämtliche Konzentration nur noch dem Erkrankten gilt." Aus all diesen Konstellationen ergeben sich eine Vielzahl von Reaktionen und Gegenreaktionen, die außer Kontrolle geraten können. Auch im Verhältnis zwischen dem Pflegeempfänger und seinen Angehörigen können Schwierigkeiten entstehen, die der Hilfestellung im Zuge der psychosozialen Betreuung bedürfen. Wenn der Lebenspartner erkrankt, steht anfänglich die Sorge um dessen Wohl im Zentrum. Später spielen Fragen zu den Bedürfnissen des nicht erkrankten Partners nach Zärtlichkeit, Sexualität sowie psychischem und physischem Wohlergehen eine zunehmende Rolle. Wie gehe ich damit um, dass mein Partner erkrankt ist? Was kann ich für mich selbst tun? Wie kann ich mich regenerieren? Oft bedarf es großer Anstrengungen, um diese Fragen überhaupt zuzulassen. Auch die Suche nach den Antworten ist ohne Hilfe fast aussichtslos. "
In der psychosozialen Betreuung muss man auch eine Brücke sein, die die Angehörigen zu sich selbst führt", sagt Liz Kapitel.
In den Gesprächen geht es sehr häufig um Themen, deren Vertraulichkeit im Grunde eine Dokumentation ausschließt. Das liegt auch daran, dass sich der Versorgungsauftrag der Pflegedienstleister auf den Klienten beschränkt. "Die Kenntnisse, die ich von den Problemen der Angehörigen erhalte, unterliegen einer moralischen Schweigepflicht, die sich auch auf die Angehörigen des therapeutischen Teams bezieht. In der Regel handelt es sich um Gespräche unter vier Augen. Das macht es natürlich schwierig, den psychosozialen Betreuungsaufwand zu quantifizieren", sagt Liz Kapitel.
Die Reaktionen der Angehörigen geben ihr einen Aufschluss über die Wirkung ihrer Arbeit. Häufig höre sie folgende Aussage: "Wenn Sie mir nicht Mut gemacht hätten, dann hätte ich es nie gewagt, meinen Angehörigen nach Hause zu holen."
Sehr schwierig gestaltet sich für die Familien auch die Tatsache, dass sie mit der Entscheidung zur häuslichen Betreuung eines Familienmitglieds auch die Entscheidung dafür treffen müssen, dass künftig meist rund um die Uhr eine fremde Person im Haus sein wird: der Pflegende, der die Sicherheit des Pflegeempfängers garantiert.
Je großzügiger die architektonischen Bedingungen angelegt sind, desto weniger störend wirkt sich dieser Umstand aus. Ist jedoch wenig Raum vorhanden und der Pflegeempfänger gar an zentraler Stelle, etwa im zum Krankenzimmer umfunktionierten Wohnzimmer untergebracht, kann die ständige Anwesenheit eines Menschen, der nicht zum Kern der Familie gehört, erheblichen Einfluss auf den Ablauf des Alltags gewinnen. Obwohl ein professionell arbeitender Pflegedienst bestrebt sein wird, das Team aus Mitarbeitern zusammenzustellen, die von ihrer psychischen Konstitution in die "Chemie" der Familie passen, lassen sich Unstimmigkeiten nicht vollständig vermeiden. Zu eng ist das Verhältnis in dem Pflegende, Pflegeempfänger und Angehörige leben. Immerhin gehören etwa 15 Pflegende zu einem Team, das um einen einzelnen Klienten zu bilden ist. Hier kann eine Instanz der psychosozialen Betreuung, die vom Zirkel der Pflegenden getrennt ist, ausgleichend wirken.
Liz Kapitel sagt: "Viele Angehörige suchen das Gespräch mit mir, um ein Ventil zu haben. Sie sagen: bei Ihnen kann ich auch mal schimpfen, ohne dass sofort irgendeine Konsequenz gezogen wird." Sie nutzen die Möglichkeit zur emotionalen Reaktion auch, um sich bei kleineren Unstimmigkeiten in einem überwiegend zufrieden stellend laufenden Betreuungsverhältnis Luft zu machen. Die Entspannung auf verbalem Wege hilft, größere Probleme, die bis zur Zerrüttung eines Pflegeteams führen können, bereits in der Entstehungsphase zu unterbinden. "Je häufiger die psychosozial ausgerichteten Gespräche stattfinden, desto geringer bleibt die Problemlast und desto weniger staut sich an", sagt Liz Kapitel.
Dieser Teil der ambulanten Intensivpflege entscheidet ebenso über die Qualität der gesamten Betreuung wie die fachlich sehr spezialisierte Krankenpflege am Bett des Klienten. Liz Kapitel sagt: "Ab etwa 50 Klienten benötigt ein Pflegedienst einen Mitarbeiter, der sich ausschließlich um diesen Bereich kümmert."